Wenn Vertrauen missbraucht wird – psychische Folgen von Cybergrooming

| Bettina Bichsel

Die ersten romantischen Erfahrungen gehören zu den prägendsten Erlebnissen. Wir wünschen uns für unsere Kinder, dass sie mit Gefühlen von gegenseitiger Zuneigung und Geborgenheit verknüpft ist, dass sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen in einem geschützten Raum machen. Doch was, wenn es stattdessen zu Manipulation, Erpressung und sexualisierter Gewalt kommt?

In einem früheren → Blogbeitrag erzählt eine Mutter, wie ihre Tochter Lina Opfer eines Cybergroomers wurde – eines über 50-jährigen Mannes, der sich ihr als gleichaltriger, verständnisvoller Vertrauter präsentierte, um sie dann sexuell zu missbrauchen.

Wie Ilka Mathis von der Zürcher Beratungsstelle Kokon erklärt, ist dies längst kein Einzelfall: «Cybergrooming ist ein regelmässiges Thema in unserer Beratungspraxis.» Hinzu kommt eine vermutlich hohe Dunkelziffer, gerade weil sich die Übergriffe im Internet abspielen – und weil es sich um ein Thema handelt, das oft mit Scham verbunden ist.

Von Cybergrooming sprechen wir, wenn Erwachsene gezielt im digitalen Raum Kontakt zu Kindern und Jugendlichen suchen mit dem Ziel des sexuellen Missbrauchs. Soziale Medien, Messenger-Dienste und Online-Spiele bieten dafür eine Plattform, denn sie machen es möglich, sich hinter gefälschten Identitäten zu verstecken. Die Täter*innen bauen gezielt Abhängigkeiten auf, indem sie an Interessen anknüpfen, sich verständnisvoll zeigen für die Probleme und Gedanken der Jugendlichen, emotionale Nähe schaffen. Ist das Vertrauen erst einmal hergestellt, werden Grenzen schrittweise verschoben, bis es zu einem Übergriff kommt.

Täter*innen nutzen gezielt Emotionen wie Verliebtheit oder Angst vor Verlust aus – das hat nichts mit Naivität oder Unvorsichtigkeit seitens der Betroffenen zu tun.

Ilka Mathis, Zürcher Beratungsstelle Kokon

Langfristige seelische Narben

Wenn romantische Erlebnisse von Manipulation und sexualisierter Gewalt überschattet werden, kann das tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur akut, sondern auch längerfristig können Cybergrooming-Erlebnisse Folgen haben. «Die Auswirkungen sind individuell, oft schwerwiegend», sagt Ilka Mathis. «Betroffene erleben starke Selbstzweifel, Angststörungen, Depressionen oder entwickeln ein verunsichertes Verhältnis zu Beziehungen, Intimität und Vertrauen. Manche Jugendliche ziehen sich völlig zurück, andere kompensieren die Erfahrung, indem sie sich noch mehr auf riskante Beziehungen einlassen.»

Wenn Vertrauen missbraucht wird, kann sich das generell auf das Sicherheitsempfinden in verschiedenen Lebensbereichen auswirken, nicht nur in Liebesbeziehungen, sondern auch in Freundschaften, in der Familie, in der Schule oder später im Berufsleben. Anderen Menschen zu vertrauen fällt schwerer und auch die eigene Wahrnehmung wird infrage gestellt. Manche Betroffene verwechseln Abhängigkeit mit Liebe oder fühlen sich nur dann wertvoll, wenn sie sexuelle Aufmerksamkeit erhalten. Andere meiden intime Beziehungen aus Angst, erneut verletzt zu werden.

Warum Jugendliche schweigen – und was sie brauchen

Ein zentrales, wiederkehrendes Thema sind Scham und Schuldgefühle. Viele Jugendliche wissen theoretisch über die Risiken von Cybergrooming Bescheid, wie im beschriebenen Fall von Lina, aber Täter*innen knüpfen an die Lebensrealitäten der Betroffenen an, vor allem die Sehnsucht nach Anerkennung, Nähe oder Zugehörigkeit. Das sind Bedürfnisse, die wir alle kennen, die aber gerade in der Pubertät besonders stark ausgeprägt sind.

«Wissen schützt nicht automatisch vor Manipulation», konstatiert Ilka Mathis. «Täter*innen nutzen gezielt Emotionen wie Verliebtheit oder Angst vor Verlust aus – das hat nichts mit Naivität oder Unvorsichtigkeit seitens der Betroffenen zu tun.» So schaffen es die Täter*innen auch, den Jugendlichen das Gefühl zu geben, selbst schuld zu sein – weil sie ja beispielsweise ein Bild geschickt haben. Diese Scham führt dazu, dass viele nicht über ihre Erfahrungen sprechen und sich isolieren. Zudem, so Sinan Kilic, ebenfalls Berater bei Kokon: «Sexualität ist noch immer ein schambesetztes Thema. Viele Jugendliche haben durch mangelnden Austausch keine klare Vorstellung davon, was normal ist, und sind dadurch eher anfällig für Manipulation.»

Angst vor Kritik und Bestrafung verhindert die Suche nach Hilfe

Die Dynamik bei Cybergrooming ist perfide: Die betroffenen Jugendlichen fühlen sich gesehen, verstanden, wertgeschätzt. Der Kontakt fühlt sich nach etwas Besonderem an. Wenn der Ton umschlägt und Drohungen, Erpressungen und Schuldumkehr ins Spiel kommen, sind sie oft in der Situation gefangen. Gefühle der Ohnmacht und die Angst davor, verurteilt oder bestraft zu werden, machen es ihnen schwierig, Hilfe zu holen. «In unserer Arbeit erleben wir oft, dass Jugendliche schweigen, weil sie Angst haben, dass ihnen ihr Handy weggenommen wird oder dass ihnen Vorwürfe gemacht werden», sagt Ilka Mathis. «Viele haben ja das Gefühl, sie hätten Fehler gemacht oder sich 'dumm' verhalten.»

In der Beratung geht es deshalb erst einmal darum, den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie nicht schuld sind. Ausserdem werden sie in ihrer Selbstwahrnehmung gestärkt. Denn im Nachhinein berichten viele, dass ihr Bauchgefühl komisch war. Dass sie sich irgendwie unwohl gefühlt und eigentlich gespürt haben, dass etwas nicht stimmte. Diese manchmal diffusen Gefühle ernst zu nehmen, ist wichtig, um künftig gesunde Grenzen setzen zu können.

Wenn Kinder und Jugendliche Angst vor Kritik oder Strafe haben, werden sie seltener Hilfe suchen.

Ilka Mathis, Kokon

Tipps für Eltern

Das Thema Cybergrooming löst bei Eltern oft Verunsicherung und Ängste aus. Wichtig ist, einen vertrauensvollen Raum zu schaffen, damit Kinder und Jugendliche wissen: Sie können auch heikle Themen ansprechen. Gespräche über digitale Erlebnisse sollen nicht nur im Krisenfall geführt werden, sondern zum Alltag dazugehören.

Wenn etwas passiert, braucht es Verständnis und eine klare Haltung: Die Opfer haben keine Schuld! Sagen Sie Ihrem Kind nicht, dass es hätte vorsichtiger sein sollen. Die Verantwortung liegt allein bei der Täterschaft. Und Ilka Mathis unterstreicht die grosse Bedeutung eines verständnisvollen Umgangs mit Fehlern im Familienalltag, damit Heranwachsende sich nicht selbst die Schuld an solchen Vorfällen geben: «Es ist essenziell, dass Kinder und Jugendliche wissen, dass niemand perfekt ist und Fehler zum Lernen dazugehören. Wenn sie Angst vor Kritik oder Strafe haben, werden sie seltener Hilfe suchen.»

Technische Schutzmassnahmen wie Jugendschutzfilter oder Privatsphäre-Einstellungen können eine Unterstützung sein, aber sie ersetzen keine Begleitung. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber, welche Informationen sie preisgeben wollen (und welche nicht). Erklären Sie, dass nie intime Bilder mit Personen geteilt werden sollen, die man noch nie persönlich getroffen hat – selbst wenn sie Vertrauen aufbauen oder Druck ausüben. Und machen Sie deutlich, dass man immer das Recht hat, Nein zu sagen.

Auch Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein spielen eine wichtige Rolle: Heranwachsende, die lernen, ihre Gefühle ernst zu nehmen, entwickeln ein besseres Gespür für ihre eigenen Grenzen. Sie sind weniger anfällig für Manipulation und holen sich auch eher Hilfe, wenn etwas passiert.

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Beratungs- und Anlaufstellen:


Kinderschutz Schweiz hat in Zusammenarbeit mit «Jugend und Medien» und weiteren Partnern eine Sensibilisierungskampagne gestartet. Im Zentrum der diesjährigen Aktivtäten steht das Thema «Pädokriminalität im Netz».

Medienmitteilung

Video (YouTube)

Weitere Informationen rund um das Thema Cyber-Sexualdelikte auf der → Website von Kinderschutz Schweiz und in unserer Rubrik → Sexuelle Übergriffe im Netz

Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.