«Es braucht viel Engagement und Leidenschaft»

| Bettina Bichsel

Gegamt wird viel – hierzulande wie anderswo. Was weniger bekannt ist: Auch in der Schweiz werden Videogames konzipiert, designt und produziert. Eine Entwicklerin spricht über die Szene, über brachliegendes Potenzial und darüber, wie man seine Leidenschaft zum Beruf macht.

Neue Medien bringen immer auch neue Berufsbilder mit. Nun sind Videogames kein wirklich neues Medium mehr, dennoch sind Berufe rund um die Gamingbranche noch nicht in unseren Köpfen verankert. Bei vielen Eltern mag etwa der Wunsch, → eSportler*in zu werden, erst mal nicht auf grosse Begeisterung stossen.

Game-Entwickler*in: ein Beruf?

Ähnlich mag es sein, wenn es um Spielentwicklungen geht. Mitunter liegt das bestimmt auch daran, dass es keinen vorgezeichneten Weg dahin gibt. In der Berufsbildung gibt es kein entsprechendes anerkanntes Berufsprofil. Dem am nächsten kommt am ehesten die vierjährige berufliche Grundbildung → Interactive Media Designer mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Daneben gibt es Ausbildungen ohne staatlich anerkannten Abschluss.

Im Hochschulbereich gibt es Möglichkeiten, wie sie Alice Ruppert gewählt hat. Die Präsidentin der Swiss Game Developers Association (SGDA), der Vereinigung der Schweizer Spieleentwickler*innen im digitalen Bereich, studierte Game Design an der Zürcher Hochschule für Künste. Ein Patentrezept, um in der Szene Fuss zu fassen, gibt es aus ihrer Sicht nicht: «Eine gute Ausbildung vermittelt einem die relevante Erfahrung und das Netzwerk. Aber die Entwicklerszene ist sehr angewandt und praxisorientert, da gibt es viele Wege, auch über einen Quereinstieg.»

Das Coole ist ja: Man kann als Hobby anfangen und schauen, wie es sich entwickelt.

Alice Ruppert, SGDA

Spass, aber auch Lerneffekte vermitteln

Einfach sei der Markt allerdings nicht: «Es braucht viel Engagement und Leidenschaft.» Anders formuliert: Ohne Durchhaltevermögen wird es schwierig. Bevor sich jemand erfolgreich als Entwicklerin oder Entwickler etabliert, wird alleine herumgetüfelt, gelernt, ausprobiert. Und das alles in der Regel ohne Bezahlung.

Auch bei Alice Ruppert stand am Anfang die eigene Begeisterung fürs Gamen und die Neugier dafür, wie ein Game funktioniert, wie es aufgebaut ist oder wie es ein spezifisches Spielerleben schafft. Heute arbeitet sie für ein in München ansässiges Studio – und kann noch eine andere Leidenschaft in ihre Entwicklungstätigkeit einfliessen lassen: «Ich mache Spiele, in denen es um Pferde und um → Pferdehaltung geht, und möchte allen Pferdefans bessere Alternativen bieten zu den Spielen, die sonst auf dem Markt sind oder die mir zur Verfügung standen, als ich jünger war. Klar steht der Spielspass im Vordergrund, aber trotzdem kann ich Aspekte, die mir wichtig erscheinen, im Spiel platzieren.»

Finanzierung in der Schweiz oft nicht leicht

Solche Entscheidungen sind genauso Teil des Entwicklungsprozesses wie die Frage, an welches Zielpublikum (auch in Bezug auf das Alter) sich ein Spiel wenden soll. Von dieser Antwort hängen viele weitere Aspekte ab. Von der Idee bis zum Launch, dem Moment, wo das Spiel auf den Markt kommt, vergehen in der Regel zwei bis drei Jahre. Diese Projektspannen wollen finanziert sein – und das ist in der Schweiz schwieriger als in anderen Ländern.

«Es gibt keine Wirtschaftsförderung für Game-Entwicklungen. Und auch die Kulturförderung tut sich nach wie vor schwer. Während in die Schweizer Filmszene jährlich rund 50 Millionen Franken fliessen, sind es für Games nur etwa eine Million Franken», bedauert Alice Ruppert. «Da gibt es viel Potenzial, das nicht wahrgenommen werden kann.»

Meist sind darum Querfinanzierungen nötig, etwa durch Auftragsarbeiten wie Werbe- oder Lernspiele oder – im besten Fall – durch die Einnahmen aus vorherigen Spielentwicklungen. Das erfolgreichste Game aus Schweizer Produktion ist bis heute der → Landwirtschafts-Simulator (PEGI-3), mit dem Spielerinnen und Spieler digital Bauernhöfe bewirtschaften und verwalten können. Andere bekannte Spiele sind → Unrailed! (PEGI-3), → FAR: Lone sails (PEGI-7), → The Wandering Village (USK-6) oder → Transport Fever (PEGI-3).

Tipps für Eltern

Ihr Kind interessiert sich für Games und träumt vielleicht sogar davon, mit eigenen Spielideen Geld zu verdienen? Dann lassen Sie sich erst mal davon mitreissen: Fragen Sie nach, was genau Ihr Sohn oder Ihre Tochter daran begeistert und welche Spiele besonders faszinieren. In unserem → Blog finden Sie App-Links, um sich spielerisch mit Coding zu befassen und sogar erste kleine Games zu kreieren. Ausserdem ist die Online-Community gross: Hier herrscht ein reger Austausch, es gibt Tutorials und Hilfestellungen, wenn man irgendwo nicht weiterkommt. Auch Alice Ruppert rät zu gemeinsamen Entdeckungen: «Genauso wie Eltern mit ihren Kindern sonst etwas basteln, können sie auch gemeinsam digital basteln. Und das Coole ist ja: Man kann als Hobby anfangen und schauen, wie es sich entwickelt.»

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Das europaweit einheitliche System → PEGI bietet Alterseinstufungen für Videogames. Es berücksichtigt die inhaltliche Alterseignung eines Spiels, nicht den Schwierigkeitsgrad. → USK geht ähnlich vor, beschränkt sich aber auf den deutschsprachigen Raum.

Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.