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Am besten gelingt’s mit Gelassenheit und Humor

| Bettina Bichsel

So schwierig das Thema für Eltern sein mag, so klar ist, dass es aus der Lebensrealität von Heranwachsenden nicht auszuklammern ist. Gerade durch das Internet ist Pornografie so leicht zugänglich wie nie zuvor. Welche Auswirkungen hat das? Und wie können Jugendliche bei der Entwicklung ihrer eigenen Sexualität bestmöglich unterstützt werden?  

Hand aufs Herz: Wissen wir es nicht noch aus persönlicher Erfahrung? Mit der Entdeckung der eigenen Lust und Sexualität gehen Tausende von Fragen einher. Und selbst wenn man’s nach aussen hin nicht zugeben wollte, waren die damit verbundenen Unsicherheiten mindestens genauso gross wie die Neugier. Wieso sollte es also heute anders sein?

Mit ca. 12 Jahren sehen viele ihren ersten Porno

Dass das Internet vor diesem Hintergrund für Jugendliche zur Anlaufstelle wird, um sich mit Sexualität auseinanderzusetzen, ist mehr als nachvollziehbar. Schliesslich liegt auch bei jedem anderen Thema der Gang ins Internet für diese Altersgruppe nahe. Und dank der Anonymität, die das Netz bietet, lassen sich Fragen, die einem sonst vielleicht peinlich wären, bedeutend einfacher stellen.

Teil dieser Realität ist, dass Jugendliche früher oder später (gemäss Studien erfolgt ein erster Kontakt etwa zwischen 12 und 14 Jahren) auch auf Pornos stossen, ob gewollt oder ungewollt – sei es auf ihren eigenen Erkundungstouren, weil Freunde ihnen zeigen, was sie entdeckt haben, oder weil im Klassenchat oder anderen Messengergruppen Videos herumgeschickt werden. Einschlägige Online-Portale sind leicht erreichbar, und auch sonst schwirrt genügend pornografisches Material im Netz herum. Nicht zuletzt gibt es viele Inhalte, beispielsweise in Musikvideos oder in der Werbung, bei denen die Grenzen zur Pornografie verschwimmen.

Die in der Realität essentielle Frage nach den jeweiligen Bedürfnissen und Grenzen hat in Pornos keinen Platz. 

Dr. Peter Holzwarth, Dozent für Medienbildung

Risiken, aber auch Chancen

Was genau das mit unseren jungen Generationen macht, lässt sich wissenschaftlich (noch) nicht sagen, erklären Dr. Peter Holzwarth, Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, und Danilo Ziemen, Sexualpädagoge und Dozent am deutschen Institut für Sexualpädagogik, die sich beide mit dem Thema befassen. Langzeitstudien gebe es bisher keine. Forscherinnen und Forscher, die sich bis anhin mit der Frage befasst hätten, sähen durchaus beides, negative wie positive Wirkungen durch Mainstream-Pornos.


Als Risiko gelten demnach insbesondere folgende Aspekte:

  • Verzerrte Körperideale: Darstellerinnen und Darsteller entsprechen oft einem sehr einseitigen Körperbild. Das kann zu falschen Vorstellungen führen, was als attraktiv wahrgenommen wird. Vergleiche können zu Gefühlen von Minderwertigkeit führen.
  • Leistungsdruck: Gezeigt werden oft schnell wechselnde, manchmal auch recht akrobatische Stellungen. Hinzu kommt, dass Frauen immer lustvoll und verfügbar sind und Männer immer ‚können‘. Jugendlichen mag das vermitteln, dass das von ihnen ebenfalls erwartet wird.
  • Eindimensionalität: Die dargestellte Sexualität beschränkt sich in Pornos auf einfache Erregungsmuster mit dem Ziel eines Orgasmus. Dass Sexualität ein viel breiteres Spektrum umfasst, wird nicht gezeigt.
  • Männerperspektive: Mainstream-Pornos stellen in der Regel die Lust des Mannes in den Vordergrund. Die Darstellung der Frau ist oft wenig respektvoll.  


Als Chance werden betrachtet:

  • Selbstakzeptanz bei sexuellen Minderheiten: Egal, worauf ich stehe, ich finde im Internet Gleichgesinnte. Das steigert das Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Solosexualität: Pornos sind eine Möglichkeit, sich selbst und seine Lust zu entdecken. Solosex wird so zu einem eigenständigen Bestandteil von Sexualität.
  • Experimentierfreude: Pornos können einen positiven Zugang zur Sexualität fördern und dazu einladen, Verschiedenes auszuprobieren.

Auf der Grundlage von ‚Das ist eklig und verboten!‘ findet kein Gespräch statt.

Danilo Ziemen, Sexualpädagoge

Tricks der Porno-Branche entlarven

Wie bei anderen Medieninhalten auch ist die Wirkung von Pornos höchst individuell und von verschiedenen Faktoren abhängig. Gerade deshalb ist es wichtig, Jugendliche dabei zu unterstützen, für sich einen guten Umgang mit Pornos zu finden. Sprechen wir in anderen medialen Bereichen von Medienkompetenz, geht es hier um Pornografiekompetenz (Nicola Döring, 2011).

Für Peter Holzwarth umfasst dies unter anderem, sich klarzumachen, was Pornos sind: «Es ist wie bei einem Spielfilm: Es gibt ein fiktives Skript und die Schauspielerinnen und Schauspieler handeln nach bestimmten Instruktionen.» Am Ende wird das gefilmte Material so zusammengeschnitten, dass Spannung und Unterhaltung gewährleistet sind. Momente, in denen der Darsteller seine Erektion nicht halten kann oder frühzeitig zum Orgasmus kommt, werden entsprechend entfernt oder umgeschnitten. Oder zwei eigentlich weit auseinanderliegende Ejakulationen werden kurz hintereinander platziert.

Hinzu kommt, dass in Mainstream-Pornos mit vielen Tricks und Täuschungen gearbeitet wird: Neben operativen Eingriffen (Brustvergrößerungen, Vulvalippenverkleinerungen, Anal-Bleachings etc.) gehören dazu auch chemische und mechanische Kniffe wie beispielsweise Injektionen für lange Erektionen oder der Einsatz von unechtem Ejakulat, das in die Harnröhre eingeführt wird.

Es geht immer um dieselben Fragen: Bin ich normal? Genüge ich? Bin ich liebens- und begehrenswert?

Danilo Ziemen

Eigene Bedürfnisse erkennen und Grenzen setzen

Die Auseinandersetzung mit dieser fiktiven Darstellung und der Realität ist für Jugendliche mit Blick auf ihre Selbstwahrnehmung und ihre sexuelle Entwicklung zentral. «In Pornos scheint immer alles perfekt», so Peter Holzwarth. «Die Bedürfnisse von Mann und Frau passen immer zusammen bzw. will die Frau immer das, was der Mann will. Die in der Realität essentielle Frage nach den jeweiligen Bedürfnissen und Grenzen hat in Pornos keinen Platz. Und auch wechselseitiger Respekt wird nicht immer vermittelt.»

Dass viele Jugendliche durchaus diese Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität machen, geht aus Studien hervor, wie Danilo Ziemen sagt: «Eine aktuelle Studie1, die sich mit der Sexualität von heterosexuellen Jungs befasst, zeigt beispielsweise, dass sie zwischen zwei Formen von Sexualität differenzieren: Einerseits ist da die ‚schmutzige‘ Sexualität, die in Pornos gezeigt wird, und andererseits die ‚reine und schöne‘ Sexualität, die beim Partner*innensex gelebt wird.» 1(Reinhard Winter, 2022)

Seien Sie als Eltern offen und gesprächsbereit

Eltern rät der Sexualpädagoge im Umgang mit dem Thema, von einem Gefahrendiskurs wegzukommen und mehr Gelassenheit, Offenheit und Humor walten zu lassen: «Auf der Grundlage von ‚Das ist eklig und verboten!‘ findet kein Gespräch statt. Das Wichtigste ist aber, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.» Einen witzigen Zugang zum Thema Pornografie (im Unterschied zu realem Sex) bieten beispielsweise der YouTube-Clip «Porn Sex vs Real Sex: The Differences Explained with Food» oder das Plakat «Things You Don’t See in Mainstream Porn» der Künstlerin Hazel Mead.

Zudem kann es helfen, sich selbst einmal auf den einschlägigen Porno-Plattformen umzuschauen. Davon, als Eltern gemeinsam mit Teenager-Kindern einen Porno anzuschauen, rät Danilo Ziemen allerdings vehement ab. Und auch die eigenen diesbezüglichen Erfahrungen und Präferenzen sollten Erwachsene lieber für sich behalten.

Darüber hinaus sollte eine Auseinandersetzung mit Pornografie immer in eine ganzheitliche sexuelle Bildung eingebettet sein. Und ein bedeutender Aspekt ist nicht zuletzt das Thema Körperbild. Aufzuzeigen, dass Schönheit weit über die Stereotype hinausgeht, die gerade in Pornos gezeigt werden, ist besonders wichtig. Denn, so Danilo Ziemen: «Letzen Endes geht es für die Jugendlichen immer wieder um dieselben Fragen: Bin ich normal? Genüge ich? Bin ich liebens- und begehrenswert?»

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Rechtlicher Hinweis: In der Schweiz ist die freiwillige Nutzung und der Besitz von (legaler) Pornografie grundsätzlich erlaubt. Verboten ist es allerdings, unter 16-Jährigen pornografisches Material zu zeigen oder zugänglich zu machen. Unabhängig vom Alter verboten ist sogenannte harte Pornografie, also Pornografie, die Darstellungen mit Kindern, Tieren oder Gewalt beinhaltet.

Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.