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Zwei jugendliche Mädchen machen ein Selfie.

Selbstdarstellung und Schönheitsideale

Selfies auf Instagram und Snapchat posten, sich in Videos auf YouTube präsentieren, Fotos von Freunden liken und sharen: Die Selbstdarstellung im Netz ist für Jugendliche nicht nur für die Anerkennung wichtig, sie dient auch der Identitätsbildung. Doch in der digitalen Welt wird die Wirklichkeit oftmals verzerrt und unvollständig dargestellt. Realitätsfremde Schönheitsideale, das vermeintlich perfekte Leben von Stars und Idolen und der Druck, viele Likes, Friends und Klicks erlangen zu müssen, können negative Auswirkungen auf den Selbstwert und das eigene Körperbild haben. Eine kritische Auseinandersetzung mit Web-Realitäten und ein gesundes Selbstwertgefühl sind essenziell. Eltern können diese Auseinandersetzung als Gesprächspartner fördern.

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DER 12-13-JÄHRIGEN SCHWEIZER HABEN EINE MITGLIEDSCHAFT BEI INSTAGRAM. (JAMES 2020)
41%
DER 12- BIS 19-JÄHRIGEN POSTEN REGELMÄSSIG SNAPS UND STORIES IN SOZIALEN NETZWERKEN. (JAMES 2020)
58%
DER 13-16-JÄHRIGEN JUGENDLICHEN FINDEN SICH ZU DICK ODER ZU DÜNN. (STUDIE GESUNDHEITSFÖRDERUNG SCHWEIZ 2016)
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Gut zu wissen

Was hat das Selbstwertgefühl mit Schönheitsidealen, Selfies und Photoshop zu tun? Erfahren Sie hier mehr darüber. 

Soziale Medien wie Instagram oder Snapchat leben vor allem von Bildern, in denen sich die User*innen von ihrer besten Seite präsentieren und ihrer Community Einblick in ihr Leben gewähren. Idealerweise soll alles positiv dargestellt werden: Beliebt und cool will man sein. Traurige Gefühle sind nicht gern gesehen. Selfies – also Schnappschüsse von sich selbst (entweder allein oder mit anderen) – sind dabei besonders in. Ob in den Ferien, zu Hause oder beim Shoppen mit Freund*innen, das Smartphone ist überall für ein Foto zur Hand.

Instagram und Snapchat sind inzwischen die beliebtesten → Social-Media-Plattformen von Schweizer Jugendlichen. Im Schnitt haben Jugendliche auf Instagram 531 Kontakte, auf Snapchat 154. (JAMES-Studie 2018)

Auch Messenger wie WhatsApp werden von Jugendlichen oft genutzt, um Fotos und Videos zu sharen. 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen täglich oder mehrmals pro Woche solche Apps im Einzelchat. Rund drei Viertel machen regelmässig Fotos oder Videos und zwei Drittel verschicken diese dann auch gerne mit dem Handy. Mädchen nutzen soziale Netzwerke intensiver als Jungen; und sie machen regelmässiger Fotos oder Filme (86 Prozent, Jungen: 62 Prozent) und verschicken diese (74 Prozent, Jungen: 54 Prozent). (JAMES-Studie 2020)

Das eigene Profilbild ist wie die Visitenkarte auf Social Media. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist es oft nötig, die Profil-Inhalte perfekt zu inszenieren – inklusive den eigenen Körper. Aber auch wer nur aus Spass ein Profil betreibt, sollte einige Fragen für sich beantworten:

  • Zeige ich ein authentisches Bild von mir oder stelle ich mich so dar, wie ich gerne sein würde? Vielleicht wie mein Idol?
  • Manipuliere ich meine Bilder und Videos mit Bearbeitungsprogrammen, um mich zu verschönern oder stehe ich zu meinen Makeln?
  • Gebe ich mich so, wie es in meinem Freundeskreis am besten ankommt oder gemäss den Geschlechterrollenstereotypen und dem gesellschaftlichen Schönheitsideal? Oder präsentiere ich mich so, dass es meine Persönlichkeit, meine Werte und meinen aktuellen Gemütszustand widerspiegelt?
  • Zeige ich mich immer glücklich und ohne negative Gefühle oder darf man mich ich auch mal unzufrieden und traurig sehen?
  • Was bedeutet «angemessen bekleidet» für mich – und ist das im Alltag gleich wie online?
  • Könnte ich damit leben, dass meine Eltern die Videos und Fotos sehen? Und meine Lehrpersonen oder meine Chefin?
  • Wenn ich ein Bild oder ein Video öffentlich teile, bin ich mir bewusst, dass ich möglicherweise negative Reaktionen darauf erhalten werde? Habe ich einen Notfallplan für solche Fälle?

Sexismus im Netz

Wie ein Selfie bewertet wird, hängt auch vom Geschlecht der abgebildeten Person ab. Es kommt vor, dass ein Selfie im Bikini abwertende, sexistische Kommentare erntet, während ein Bild von einem durchtrainierten, als «männlich» wahrgenommenen Körper bewundert wird. Die Ungleichbehandlung kann sogar so weit gehen, dass Bilder ohne das Einverständnis der abgebildeten Personen verbreitet werden und dann diese sich in einem Shitstorm wiederfinden – und nicht die Person, die das Foto veröffentlicht hat.

Jugendliche haben ihre eigene Definition von Privatsphäre. Erwachsene trennen Berufs- und Privatleben, Jugendliche grenzen sich zu den Eltern und zur Erwachsenenwelt ab. Sie möchten selbst bestimmen, mit wem sie ihre Geheimnisse teilen. Zwar schätzen sie ihre eigene Privatsphäre als wichtig ein und machen auch die entsprechenden Profil-Einstellungen in den sozialen Medien. Was ihre Posts angeht, sind sie aber nicht immer gleich vorsichtig. Sie mögen es, zu provozieren, ihre Wirkung zu testen und Grenzen auszuloten. Zudem sind sie nicht immer kritisch, wenn es darum geht, Fremde als Freunde zu akzeptieren. Dieses «Privacy-Paradox» gehört zum Jugendalter dazu.

Influencer*innen sind die Stars der jungen Internetgeneration. Sie sind Idole und gleichzeitig Vorbild vieler Heranwachsenden. Mit ihren Fotos, Posts und Videos auf Instagram, YouTube, Snapchat oder TikTok erreichen sie dank riesiger Fangemeinschaften Klickzahlen bis in Millionenhöhe und verdienen kein schlechtes Geld.

Zu den bekanntesten Influencer*innen in der Schweiz gehören Spitzensportler*innen, Models, Musiker*innen, aber auch junge User*innen, die sich erst durch die Social-Media-Vermarktung einen Namen gemacht haben. Gerade YouTuber*innen drehen ihre Videos oft zu Hause, was Nähe und Vertrautheit schafft.

Drei Viertel der Schweizer Jugendlichen haben mindestens einen Lieblings-YouTube-Star. Je nach Sprachregion sind dies andere, meist aus dem angrenzenden Ausland. Zu den favorisierten Themen zählen neben «How to»-Videos und Beauty auch Comedy und Games (beispielsweise Let's Play-Videos → Games). (JAMES-Studie 2016)

Firmen nutzen Influencer*innen und deren Social-Media-Kanäle zur Platzierung ihrer Produkte – sei es, indem die Stars Kleidungsstücke oder Accessoires von Sponsoren tragen, Produkte ausprobieren und weiterempfehlen oder Video-Spiele kommentieren. Solche Werbedeals sind für Unternehmen ein attraktives Geschäft, denn sie steuern das Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen. Eine Studie aus Deutschland (Kommission für Jugendmedienschutz, 2021) zeigt, dass Heranwachsende oft mit zeitlich befristeten Angeboten gelockt werden, aber auch mit Gewinnspielen, Rabattcodes oder indem die Beteiligung an einem Community-Netzwerk nur durch eine bestimmte Kaufhandlung möglich ist.  

Eltern und Lehrpersonen tun deshalb gut daran, die wirtschaftlichen Interessen und Gewinne, die hinter den Internetidolen stehen, mit Kindern und Jugendlichen zu thematisieren. Es geht aber nicht nur um Produkte, sondern auch um Werte: So vermitteln Influencer*innen Rollenbilder und Schönheitsideale, die es kritisch zu betrachten gilt.

Zudem ist nicht jede Fangemeinde so gross, wie sie scheint. Eine SRF-Analyse der erfolgreichsten Influencer*innen hat gezeigt, dass es sich bei vielen Followern um Fake-Profile handelt (→ Fake News & Manipulation). Bei 20 der 115 untersuchten Influencer*innen waren es sogar mehr als die Hälfte. (SRF 2017)

Immer öfter werden bereits Kinder zu regelrechten Social-Media-Stars – und entsprechend für die Werbeindustrie interessant. Eine deutsche Studie hat die beliebtesten Kinder- und Familien-YouTube-Stars unter die Lupe genommen und macht auf folgende Risiken aufmerksam:

  • Kinder können sich unter Druck gesetzt fühlen
  • Rollenklischees werden bedient
  • Privatsphäre der Kinder wird verletzt → Sicherheit & Datenschutz 
  • Kinder werden in peinlichen oder emotional aufwühlenden Situationen gefilmt
  • Fotos mit leicht bekleideten Kindern (z. B. in Bade- oder Turnkleidung) können sexuelle Interessen von Nutzenden wecken → Sexualität & Pornografie 
  • Sensible Daten (Wohnort, Freizeit-Locations etc.) lassen Rückschlüsse zum Aufenthalt des Kindes zu → Sicherheit & Datenschutz

Nicht zuletzt suggerieren die gefilmten Aufnahmen eine Scheinrealität, die für die zuschauenden Kinder als Vergleich dient. (Kinder als YouTube-Stars, jugendschutz.net 2019)

Die digitale Lebenskultur und der immer schnellere gesellschaftliche Wandel prägen Jugendliche in ihrer Entwicklung. Was früher Familie oder Schule waren, übernehmen heute immer mehr Medien und soziale Netzwerke: Sie bieten Orientierungsmöglichkeiten und beeinflussen, wie Jugendliche denken und handeln, wie sie sein möchten und wie sie ihr Leben gestalten wollen. Nicht mehr Erwachsene in ihrem Umfeld sind ihre wichtigsten Vorbilder, sondern der Freundeskreis, Stars und Idole.

Fragen wie «Wer bin ich?» und «Wer will ich sein?» begleiten Heranwachsende während der Adoleszenz. Medien sind dabei doppelt prägend: Sie vermitteln einerseits mit ihren Inhalten (Schein-)Realitäten, Werte und Rollenbilder. Andererseits stellen sie – gerade durch soziale Netzwerke – eine Plattform dar, um sich auszuprobieren. Jugendliche können verschiedene Identitäten testen und sehen, wie sie damit auf andere wirken. Wie viele Likes erhalte ich für mein neues Foto? Was für Kommentare werden wohl zu dem Video gepostet, wenn ich es mit meinen Freund*innen share? So entstehen verschiedene Identitätsfacetten, die sich permanent neu zusammensetzen und weiterentwickeln. «Ich poste, also bin ich» bedeutet, dass das Gefühl für das eigene Selbst und die Entwicklung von Werten im Austausch in der digitalen Welt entstehen.

Für viele Mädchen ist «das Erstellen von Bildmaterial ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung der Geschlechtsidentität. Neue Frisuren, neue Outfits werden abfotografiert und durch die Peergroup in Form von Kommentaren und Likes bewertete. Demgegenüber setzen Knaben stärker auf Games, in denen sie ihre Wettbewerbsorientierung ausleben können, oder lassen sich auf einer Welle von YouTube-Video zu YouTube-Video treiben. [...] Ihre YouTube-Vorbilder liefern ihnen Rollenmodelle und unterstützen sie so in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität.» (JAMES-Studie 2020)

Damit sind jedoch auch Risiken verbunden, etwa wenn ein gepostetes Selfie boshafte und beleidigende Reaktionen (→ Cybermobbing) auslöst. Bei mangelnden Beziehungen in der «realen» Welt besteht zudem die Gefahr, sich in den Medien zu verlieren (→ Onlinesucht). Oder Jugendliche schaffen es nicht, ein für sich stimmiges, gesundes Selbstbild zu entwickeln. Es kann über die Mediennutzung zu einer narzisstischen Selbstverliebtheit in das eigene Abbild kommen oder aber problematische Vorbilder (z. B. mit Essstörungen) werden übernommen.

Studien zufolge haben es Menschen, die dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, leichter im Leben. Sie sind privat und beruflich erfolgreicher und erhalten mehr Aufmerksamkeit. Kein Wunder, wollen auch Jugendliche schön sein. Und dies gilt längst nicht nur für Frauen: Männer folgen genauso dem Schönheitsideal. Besonders problematisch ist jedoch, dass die Werbeindustrie ihre Fotos und Anzeigen stark manipuliert und damit ein für Jugendliche unerreichbares, beschönigtes Idealbild kreiert: Makellose Haut, glänzendes Haar, perfektionierte Silhouetten, pralle Muskeln, ebenmässiger Bart, reine Haut und vorstehende Wangenknochen. Alles per Photoshop machbar.

Auch in sozialen Medien finden sich viele retuschierte Fotos – nicht nur in Werbeanzeigen, sondern auch in den Profilen von Heranwachsenden – etwa auf Instagram. Solche verzerrten Medienwirklichkeiten haben einen negativen Einfluss auf das Körperbild von Heranwachsenden, die aufgrund der Pubertät ihren eigenen Körper ohnehin übermässig kritisch beurteilten. Sich in sozialen Medien zu tummeln kann deshalb dazu führen, dass sich Jugendliche hässlich fühlen, dass ihnen ihr Leben langweilig erscheint und damit ihr Selbstwert sinkt. In schweren Fällen kann dies Depression, Suizidalität oder Angst auslösen. In einer Deutschen Studie beispielsweise wurden bei jedem dritten Jugendlichen mit einer ungesunden Social-Media-Nutzung Symptome einer Depression festgestellt (DAK 2018). Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass sich psychisch labile Jugendliche eventuell vermehrt in sozialen Netzwerken aufhalten, damit sie sich nicht alleine und isoliert fühlen. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist darum nicht ganz klar. Einig sind sich verschiedene Untersuchungen jedoch darin, dass eine verstärkende und damit gesundheitlich gefährdende Wechselwirkung besteht.

Das eigene Körperbild setzt sich aus vier Aspekten zusammen (Gesundheitsförderung Schweiz):

  1. Wie wir uns wahrnehmen, also das Bild, das wir von unserem eigenen Körper haben. Und das entspricht vielleicht gar nicht der Realität.
  2. Wie wir uns mit unserem Körper fühlen, wie zufrieden wir mit unserem Aussehen, mit einzelnen Körperteilen oder mit dem Gewicht sind.
  3. Wie wir aufgrund der Gefühle, die mit der Wahrnehmung unseres Körpers verbunden sind, über uns denken. Damit verbunden sind Überzeugungen, wie man aussehen soll oder als schön angesehen wird (z. B. Sixpack).
  4. Wie wir uns verhalten – eben wenn wir mit unserem Aussehen nicht zufrieden sind. Meide ich beispielsweise die Badi? Wie häufig gehe ich trainieren?

Ein positives Körperbild ist für die physische und psychische Gesundheit wichtig. Wer mit sich zufrieden ist, entwickelt ein stabiles Selbstwertgefühl, geht achtsam mit dem eigenen Körper um und stellt gesellschaftliche und mediale Schönheitsideale infrage. «Body Positivity» steht für das Bestreben, weg von gängigen Einheitsidealen und hin zu einem diverseren Verständnis von Schönheit zu kommen, indem die individuelle Einzigartigkeit in den Fokus gerückt wird.

«Gender» steht für das gesellschaftliche oder soziale, gelebte und gefühlte Geschlecht, im Unterschied zu dem Geschlecht (engl. Sex), das bei der Geburt aufgrund der körperlichen Eigenschaften definiert wird (Quelle: Genderdings.de). Damit gemeint sind die geschlechtsspezifische Selbstwahrnehmung, das damit verbundene Selbstwertgefühl sowie entsprechende Rollen und Erwartungen, die nach dem Gender-Verständnis eben nicht angeboren sind, sondern kulturell und sozial geprägt – und deshalb veränderbar.

Medien und die digitale Lebenskultur haben einen grossen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Sie bieten eine Orientierungshilfe in einer komplexen Welt und Identifikationsmöglichkeiten für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Mediale Geschlechterbilder sind aber oft stereotyp, vor allem in der Werbung, in Musikvideos, Games oder Pornos. Jungs werden als unabhängig, durchtrainiert und dominant dargestellt, Mädchen als sexy, schutzbedürftig und empfindsam. Wie Untersuchungen zeigen, prägen sich solche Geschlechterstereotype schon bei Zehnjährigen ein und führen zu einer verzerrten Wahrnehmung. (Global Early Adolescent Study 2017)

Fotos aus Fitnessstudios oder im Bikini, Posts mit Ernährungs- und Trainingstipps, Abnehmtagebücher – gerade in sozialen Netzwerken werden vermeintliche Schönheitsideale propagiert, von denen sich Jugendliche in ihrer eigenen Körperwahrnehmung beeinflussen lassen. Problematisch wird es dann, wenn der Drang, dünner oder muskulöser zu werden, gesundheitsgefährdend wird – etwa durch Essstörungen wie Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder einen übertriebenen Fitnesswahn.

Gesundheitsförderung Schweiz hat Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren zu ihrem Körperbild befragt und festgestellt: Die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper ist viel höher, je besser sie sich von medialen Bildern abschirmen können (2015/2016). Jungen wünschen sich vor allem, muskulöser zu sein; über die Hälfte der Befragten wäre dann zufriedener mit dem eigenen Körper. Neun von zehn der männlichen Jugendlichen in der Deutschschweiz machen deshalb Krafttraining, in der Romandie sind es 56 Prozent. Bei Mädchen überwiegt nach wie vor das Schlankheitsideal, wobei auch bei ihnen ein Trend zu Fitness und einem definierten Körper feststellbar ist. Als zu dick bezeichnen sich sechs von zehn der befragten weiblichen Jugendlichen in der Deutschschweiz bzw. jede Zweite in der Romandie. Hier wünschen sich auch 36 Prozent der Mädchen mehr Muskeln.

Online zeigen sich diese Trends zum Beispiel auf Instagram, Pinterest oder Tumblr: Im Fitnessbereich sind es Hashtags wie #fitspo, #fitspiration, #instafit, #nopainnogain etc., auf denen sich grosse Communities bilden. Und während vor einigen Jahren vor allem noch auf Pro-Ana (Anorexie) und Pro-Mia (Bulimie) Webseiten Essstörungen als Lifestyle verherrlicht wurde, stacheln sich Jugendliche heute unter Hashtags wie #thighgap, #a4waist oder #collarbonechallenge mit Fotos und Wettbewerben dazu an, möglichst dünn zu sein - sie messen das an der Lücke zwischen der Innenseite der Oberschenkel, an einer möglichst dünnen Taille, die sich hinter einem DIN-A4-Blatt verbergen lässt, oder an der Kuhle beim Schlüsselbein, in die man möglichst viele Münzen oder Ähnliches legen kann. Über die Profile nehmen die Jugendlichen untereinander Kontakt auf und bilden dann geschlossene Gruppen (z. B. auf WhatsApp), in denen sie sich zum Abnehmen animieren und Diättipps austauschen. Meist wird dabei auch Druck ausgeübt: Wer gesteckte Ziele nicht erreicht, wird in der Gruppe fertiggemacht oder ausgeschlossen.Zudem ist nicht immer klar, wer sich hinter einem Profil verbirgt.

Laut Fachstellen ist ein Phänomen von «Anorexie-Sexting» (→ Sexualität & Pornografie) beobachtbar: Dabei sind es Männer unter falscher Identität, die junge Mädchen zum Abnehmen animieren und sie dazu bringen, Fotos zu posten.

Auch selbstverletzendes Verhalten von Jugendlichen wie Ritzen erhält durch die Möglichkeit der Präsentation und Verbreitung über die digitalen Medien eine neue Dimension. Die Verletzungen werden thematisiert und – z. T. anonym oder unter einem Pseudonym – visuell dargestellt und veröffentlicht, als Zeichnungen, Collagen, Fotos oder Videos. In Social-Media-Kanälen finden solche Posts oft zahlreiche Follower, seien es selbst Betroffene oder Schaulustige. Sich selbst verletzende Jugendliche erhalten so Aufmerksamkeit und fühlen sich in dem Moment in ihrem Selbstwert gestärkt, was auch ihr Verhalten verstärkt.

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Was sollte mein Kind beachten?

  • Bilder im Netz bilden nicht immer die Wirklichkeit ab. Sie sind oft bearbeitet und eine Auswahl der schönsten und besten Seiten/Momente.
  • Das sollte man sich in Erinnerung rufen, vor allem wenn man ein besonders tolles Foto oder Video sieht, auf das man vielleicht sogar neidisch ist.
  • Sich selbst auszuprobieren und zu inszenieren macht Spass. Trotzdem sollte man sich fragen: Bin das wirklich ich? Passt es zu mir? Wie möchte ich auf andere wirken?
  • Auch eine andere Perspektive einzunehmen kann helfen: Was denken meine Freund*innen, meine Familie oder andere, wenn sie meine Bilder sehen? 
  • Profilbilder und Selfies spiegeln auch immer ein bestimmtes «Weltbild» und geben häufig traditionelle Geschlechterrollen unreflektiert weiter. Auch hier sollte man sich fragen: Will ich wirklich so wahrgenommen werden?
  • Seinen eigenen, authentischen Stil zu finden, macht ebenso Spass.
  • Wer unreflektiert und ohne die nötige Vorsicht Fotos oder Videos von sich ins Netz stellt, riskiert, zum Opfer von Stalking (wenn einem jemand beharrlich nachstellt), Hassrede oder Cybermobbing zu werden.
  • Wer sein ganzes Leben zur Schau stellt, verliert seine Privatsphäre und riskiert, dass persönliche Daten missbraucht werden.
  • Von Zeit zu Zeit sollte man das eigene Profil ausmisten und Inhalte löschen, die peinlich werden oder Anlass für unangenehme Reaktionen geben könnten. Dabei aber immer daran denken: Inhalte im Netz sind oft nur schwer definitiv zu löschen. Deshalb ist es immer besser, im Voraus zu überlegen, ob ein Bild wirklich gepostet werden soll.
  • Der soziale Vergleich im Internet und das ständige Betrachten von scheinbar perfekten Medienwelten kann zu Selbstwertproblemen und damit zu Essstörungen, Depressionen, Suizidgedanken bis hin zu Suizid führen – oder solche Tendenzen verstärken.
  • Wer solche Gedanken hat, sollte sich unbedingt an eine Vertrauensperson wenden oder (anonyme) Hilfe holen. → weitere nützliche Infos

Achtung

Bilder im Netz sind oft inszeniert und geschönt.

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Was können Eltern tun?

Allgemein ist es wichtig, Jugendliche bei ihrer Suche nach Anerkennung, Selbstabbildung und befriedigenden Beziehungen in den sozialen Netzwerken zu begleiten.

  • Regen Sie Ihr Kind zum Nachdenken an: Wie will es sich im Netz präsentieren? Was will es mit den Fotos und Videos bewirken?
  • Erklären Sie, dass nicht nur das Äussere, sondern auch Ausstrahlung, Humor, Charme und gemeinsame Interessen jemanden attraktiv für andere machen. Authentisch sein ist auf jeden Fall besser als Künstlichkeit.
  • Besprechen Sie mit Ihrem Kind, wodurch es sich von anderen unterscheidet, was seine Qualitäten sind, wo es Talente hat. So stärken Sie sein Selbstbewusstsein.
  • Fragen Sie Ihr Kind, mit welchen Internet-Stars es sich identifiziert und welche Schönheitsideale es hat.
  • Ermuntern Sie Ihr Kind, sich mit Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld zu vergleichen und nicht mit inszenierten Profilen, die ein perfektes Leben vorgaukeln.
  • Machen Sie Ihrem Kind bewusst, dass auch Schwächen oder weniger perfekte Seiten zum Leben gehören.
  • Teilen Sie Ihrem Kind mit, dass es sich an eine Vertrauensperson wenden soll, wenn es Selbstzweifel hat, das Gefühl, zu dick oder hässlich zu sein oder dass andere alles besser können.
  • Reden Sie mit Ihrem Kind über Geschlechterrollenstereotype (z. B. hübsche, zerbrechliche, sexy Mädchen; starke, kontrollierte, aktive Jungs), weshalb sich diese in Profilfotos so deutlich zeigen und wie diese geändert werden können.
  • Nicht alles für bare Münze nehmen: Erklären Sie dem Kind, dass nicht alles, was im Netz veröffentlicht wird, wahr ist, und viele Inhalte retuschiert sind.
  • Schärfen Sie sein Bewusstsein, dass es Medieninhalten mit einem gewissen Abstand begegnet und kritisch hinterfragt.
  • Erklären Sie ihm, worauf bei einem Selfie geachtet werden muss und dass es auf peinliche oder erotische Selbstaufnahmen verzichten sollte (→ Sexualität & Pornografie). 
  • Machen Sie Ihrem Kind bewusst, dass jedes Bild zigfach kopiert, bearbeitet oder weiterverbreitet und nicht mehr entfernt werden kann. Also: → Privatsphäre schützen!
  • Erinnern Sie daran, dass das Profilbild immer öffentlich, also für jedermann (auch Menschen, die nicht in der Freundesliste sind) sichtbar ist.
  • Klären Sie Ihr Kind über Risiken wie Selbstzweifel, Abhängigkeit von Likes, Stalking, Mobbing oder Missbrauch persönlicher Daten auf.
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Weitere nützliche Infos

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